Freitag, 30. Juli 2010

Karate-Gedanken

Eines der erstrebenswerten Ziele in den Kampfkünsten scheint die Erlangung des "Schwarzgurtes" zu sein. Auf das Erreichen dieses "Status" werden Jahre mit mehr oder minder viel Schweiß verwendet um dann im Glauben zu sein, nun ein "Meister" oder gar ein "Sensei" zu sein. Den wenigsten scheint bewusst zu sein, dass diese Zeit bis zum 1. Dan eigentlich nur eine "Vorbereitungszeit" ist, die dazu dient um die Basis zu erlernen und zu festigen.

Stan Schmidt (8. Dan) schreibt in seinem Buch, dass mit der Erreichung des 1. Dan nun das eigentliche Training im Karate beginne. [1]

Oberflächlich betrachtet bedeutet diese Aussage, dass nun die eigentliche Herausforderung des Lernens in den Kampfkünsten beginnt. Dieses Lernen beinhaltet aber nicht nur ein tägliches Training von Basistechniken, sondern auch die Erarbeitung neuer technischen Fertigkeiten. Sei es die Verbesserung des Fauststoßes oder von ökonomischen Bewegungen. Sondern gleichfalls auch die geistige Auseinandersetzung mit den Lehrinhalten der Ryûha. Hierzu ist ein Studium der Kampfkunstschriften notwendig. Dies erfordert gleichfalls die Bereitschaft sich tiefer mit den unterschiedlichsten Materien auseinander zu setzen. Hierzu gehört auch das Wissen um Physiologie, Psychologie und Physiotherapie. Es erscheint mir ebenfalls hilfreich, sich mit anderen asiatischen Methoden wie bspw. dem Qi Gong oder dem Tai Chi auseinander zu setzen.

An dieser Stelle sei übrigens erwähnt, dass Kanazawa Sensei sich selbst in Tai Chi übt(e) und er sich später dahin gehend äußerte, dass sein Karate sich durch die Übung der Weichheit verbessert habe.

Es fällt auf, dass sich tatsächlich nur wenige tiefer mit einem dieser Bereiche beschäftigen, stattdessen jedoch meinen, das bislang erworbene Wissen des Trainers (synonym für Sensei und Lehrer) ausreichend sei um selbst lehren zu können. Entsprechend wird das Augenmerk auf die äußeren sichtbaren Bereiche der Technik gelenkt.

Wenn also der 1. Dan aussagt, dass nun die Grundlagen für das weiter- und tiefergehende Studium der Kampfkünste (hier des Karate) ist, so ist gleichzeitig der 1. Dan als Aufforderung zu verstehen, sich intensiv mit der Kampfkunst zu beschäftigen. Dies umfasst somit neben dem eigenen körperlichen Training auch das "geistige", im Sinne der Weiterbildung in Physiologie, Anatomie, Biomechanik, Geschichte, etc.

Aus dem Blickwinkel des Verständnisses für ein tiefgreifendes und ganzheitliches Verständnis, verbunden mit einem gewissen Wissen in der Kampfkunst Karate, kann ein 1. Dan nur bedingt bzw. unter Anleitung eines erfahrenen und ausgebildeten Sensei (der über das entsprechende Know-How verfügt) unterrichten. Es heißt nicht, dass ein 1. Dan nicht unterrichten kann oder darf, gerade in Vereinen in denen ein Mangel an Trainern besteht. Gleichwohl ist der 1. Dan aber verpflichtet, sich gerade in den vorgenannten Bereichen weiter zu bilden, ebenso wie der oder die Cheftrainer in der Verpflichtung sind, die Sempai in der Lehre zu unterrichten bzw. zu unterweisen.

Und genau an diesem Punkt hapert es, wie man in einem der letzten Beiträge lesen konnte (s. alter Blog).

An dieser Stelle kommt man um die Betrachtung der etablierten Verbände (ganz gleich wie diese heißen) herum. Wie sieht dort die Ausbildung der Trainer aus? In einem Verband gibt es zwar Weiterbildungsmöglichkeiten für diverse Trainerscheine während ein anderer versucht mit einer verbandsinternen Fortbildung ein Äquivalent zu schaffen. Die Bemühungen sind sicherlich vorhanden, doch wie sieht das Training trotz solcher Fortbildungsmaßnahmen in der Praxis und somit in den Vereinen/Dôjôs aus?

Baut bspw. das Training auf das Aufwärmprogramm auf? Bestimmt gibt es vereinzelt Dôjôs in denen es so ist, doch häufig ist eben dies nicht der Fall. So erlebte ich, wie in einem Karate-Dôjô als Aufwärmprogramm diverse Spiele gespielt wurden und im Anschluss daran die übliche Gymnastik, die mehr Kräftigungsübungen umfasste, durchgeführt wurde. Das Training war übrigens für Erwachsene der Oberstufe gedacht.

Apropos Oberstufe. Eines verwundert mich in den letzten Monaten mehr und mehr. Die mögliche Trainingsintensität für viele Oberstufen umfasst in vielen Vereinen gerade einmal 2, manchmal auch 3 Einheiten in der Woche. Geht man nun davon aus, dass jede Einheit 1,5 Stunden dauert so trainieren die meisten zwischen 3 und 4,5 Stunden in der Woche. Hiervon müssten eigentlich wieder mindestens 1-1,5 Stunden abgezogen werden, da diese Zeit meist für Spiele, Gymnastik oder Kräftigungsübungen ver(sch)wendet werden. Sollte gerade nicht die Oberstufe in der Lage sein, sich schon VORHER selbstständig aufzuwärmen? So könnte man 33% der Trainingszeit effizienter nutzen. Sei es für Technik-, Kata-, Kumite-Training, Bodenkampf, Atemi-Waza etc.

Man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen. Muss im gemeinsamen Oberstufen-Training jene Dinge trainiert werden, die gerade ein Dan-Träger auch alleine üben könnte. Hier wäre bspw. der Bewegungsablauf der Kata gemeint, der dann später im gemeinsamen Training punktuell korrigiert wird, damit der Schüler dieses wieder alleine zu Hause verbessern kann. Dass hierzu eine gute Selbstreflektion notwendig ist, versteht sich von selbst.

Und gerade für die Fähigkeit der Selbstreflektion ist es notwendig, dass die Schüler frühzeitig lernen, in den Körper hinein zu hören und gleichzeitig das Verständnis für den eigenen Körper und somit die Biomechanik erhöht wird. Eines wird (mir) somit klar. Die Grundsteinlegung für ein gutes, funktionales als auch effektives Training (sowohl in gesundheitlicher Hinsicht als auch in der Hinsicht mit dem Umgang von Gewalt) wird durch das Können und das Wissen des Trainers gelegt.

Es obliegt also jedem Trainer, der verantwortungsvollen Aufgabe entsprechend nachzugehen um so den/die Schüler ganzheitlich in der Kampfkunst zu unterrichten.

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[1] vgl. Stan Schmidt, Der Weg der leeren Hand