Dienstag, 8. Februar 2011
Die Mär von der Messerabwehr
Im Zuge dessen wird je nach Stilrichtung irgendwann (mal früher mal später) Abwehrtechniken gegen bewaffnete Angreifer geübt. Interessanterweise werden bei diesen "Übungen" meist vier Standard-Angriffe, gleichzeitig aber eine Vielzahl von möglichen Abwehrvarianten gezeigt. Fast alle Abwehrtechniken, die ich bis heute sehen oder gar "üben" durfte gehören in die Kategorie "schöner sterben", da so gut wie keine der gezeigten Techniken in der Realität funktioniert oder gar funktionieren kann.
Die Gefährlichkeit des Messers als Waffe wird schlicht und ergreifend unterschätzt. Häufig wird bei Abwehrtechniken von Stich-Angriffen ausgegangen, die Schnitt-Angriffe oder die Kombination aus beiden komplett übersehen. Das eigene Verletzungsrisiko wird unterschätzt, das Können hingegen (in Bezug auf die Abwehrfähigkeit), gnadenlos überschätzt.
An dieser Stelle sei beispielhaft folgende Messerabwehrtechnik zu betrachten:
In diesem Video greift Tori Uke mit einem senkrechten Stich von oben an. Uke nimmt den angreifenden Arm in einer Kreisbewegung auf, vollführt ein schönes Tänzchen bevor Tor bereitwillig durch die Gegend fällt! Diese Abwehr wird in vielen Dôjôs als realistische Selbstverteidigung gelehrt. Dabei wird vergessen, dass a) die wenigsten Angreifer die ein Messer haben, tatsächlich so angreifen würden und b) dem Verteidiger soviel Zeit lassen würden, um den Arm zu greifen, 3-4 Schritte machen zu lassen um sich dann überwältigen zu lassen.
Es ist doch schon auffällig, wie kooperativ Tori (also der Angreifer) sich ggü. Uke verhält. Ein realistischer Angriff erfolgt i.d.R. nicht aus einer so großen Distanz! Im schlimmsten Fall erfolgt der Angriff aus der "Intim-Distanz" und der Angreifer zückt sein bis dahin verborgenes Messer und sticht bzw. schneidet Uke.
Ebenfalls in die Kategorie "schöner Sterben" gehören die folgenden Videos:
Auch hier stellt sich Tori für Uke hin. Uke hat keine Probleme den angreifenden Arm zu ergreifen und einen Hebel anzusetzen.
Bei folgenden Techniken werden vorsätzlich gefährliche Abwehrtechniken gezeigt, Techniken die das eigene Leben hochgradig gefährden! Bitte achten Sie darauf, wie die Klinge nach einem potentiellen Abwehrversuch direkt vor den Körper vorbeigeführt wird, ohne dass Uke Tori tatsächlich unter Kontrolle hat! Überlegen Sie einmal, ob die Frau sich gegen einen Angriff des Mannes mit solchen Techniken erwehren könnte! Das erscheint doch sehr, sehr zweifelhaft.
Marc "animal" Mac Young zeigt in einem Video, wie gefährlich ein Messerangriff ist und wie Messerangriffe aussehen könnten.
Betrachtet man diesen Video-Clip (der erst ab 18 freigegeben ist) und wird sich bewusst, wie ein korrekter Angriff eines Angreifers aussehen kann, dann sollte klar werden, dass eine Messerabwehr, so wie sie häufig geübt wird, in das Land der Märchen gehört.
Es bleibt somit die immer häufig gestellte Frage, warum (vorsätzlich?) solche ineffiziente Techniken geübt werden!?
Mittwoch, 24. November 2010
Bericht zum 1. Schwert & Stock-Lehrgang für Karateka
Befasst man sich mit der historischen Entwicklung des Karate, so ist festzustellen, dass die Kampfkunst Karate durch den Schwertkampf aber auch durch andere Waffenkünste, wie bspw. dem Jô (Stock, 1,27m) bedingt wurden.
Doch wie genau wurde Karate durch Waffen beeinflusst? Um diese Frage zu klären, begab ich mich auf den Weg ins Kraichgau um dort am "1. Schwert & Stocklehrgang für Karateka" teilzunehmen und die Gelegenheit zu nutzen, um dies zu erfahren. Als Referenten agierten Stephan Yamamoto (4. Dan Karate, 3. Dan Iai-Dô) sowie Andreas F. Albrecht (4. Dan Karate; Übungspraxis in Aiki-Jô und Musô Shintô Ryû Jôdô).
In 4 Einheiten á 1,5 Stunden erläuterten und zeigten die Referenten wie die Hieb- und Stichwaffen zu handhaben sind, bevor sich die Karateka auf ungewohntes Terrain begaben und sich an die komplexen Bewegungsabläufe mit Bokken und Jô herantasteten.
Immer wieder zeigten die Dozenten die Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede zwischen den Bewegungsformen in den Waffenkünsten und dem Karate auf. Im weiteren Verlauf wurden gleichfalls die historischen Zusammenhänge dargestellt, wodurch vorhandene Wissenslücken geschlossen werden konnte und mit hartnäckigen (Karate-) Mythen aufgeräumt wurde.
Während sich die meisten Teilnehmer im Vorfeld über die Gefährlichkeit des Schwertes bereits bewusst waren, wurde der Stock (Jô) anfänglich von einigen Teilnehmern in seiner Anwendbarkeit und Wirkungsweise unterschätzt.
Im 1. Teil übten sich die Teilnehmer vorwiegend in der grundlegenden Handhabung des Übungsschwertes und den verschiedenen Varianten des "Schwertziehens" aus der stehenden und sitzenden Position. Hierbei wurde deutlich sichtbar, dass der Bewegungsablauf mit Waffe ein anderer ist als ohne Waffe.
Ähnlich zeigte es sich auch beim Umgang mit dem Jô. Nachdem auch hier die Basis gelegt wurde, zeigte sich schnell wie anspruchsvoll der Umgang mit dieser scheinbar ungefährlichen "Alltagswaffe" ist.
Fazit:
Wer schon immer die Zusammenhänge zwischen Schwert, Stock und Karate suchte, konnte auf dem Lehrgang wertvolle Erkenntnisse für sich und sein Karate gewinnen. Ich für meinen Teil hoffe, dass ein solcher Lehrgang bald wiederholt wird und freue mich schon heute darauf!
Montag, 15. November 2010
Karate-Gedanken III
Liebe Leser,
seit guten sechs Jahren tausche ich mich in den diverse Foren mit unterschiedlichen Karateka über die Welt des Karates aus. Immer wieder gibt/gab es sinnvolle, sinnfreie aber auch und vor allem auch lehrreiche und konstruktive Diskussionen. Diskussionen die den ein oder anderen, vor allem aber mir, neue Inspiration aufzeigen konnten. Ich war und bin immer der Meinung, dass man grds. versuchen sollte, sich die Meinungen anderer anzuhören um sich ggf. darüber unterhalten und vor allem aber auch Gedanken machen zu können. Dies sehe ich auch heute noch so.
Vor gut 3 Jahren habe ich angefangen, meine Gedanken öffentlich, als eine Art "Tagebuch" nieder zu schreiben, mit dem Ziel, mit anderen meine Gedanken zu teilen und konstruktiv in Foren darüber diskutieren zu können.
Gleichzeitig verlinkte ich die, meiner Meinung nach, guten Webblogs zum Thema Karate als auch zwei Vereine, die – aus meiner Sicht – erwähnenswert sind. Erwähnenswert deshalb, da in diesen Vereinen / Dôjô ein Karate gezeigt wird, welches sich in der Zielsetzung unterscheidet, beide jedoch in ihrem Bereich äußerst lehrreich sind. In beiden Dôjô, sind aus meiner Sicht, Trainer tätig, die über sehr gutes Know-How verfügen. Diese Verlinkungen sind also als positive Referenz zu sehen und stellen keinen negativen Bezug zu meinen, durchaus auch kritischen, Äußerungen dar.
In den 6 Jahren sind ca. 2.000 Beiträge (in Internetforen bzw. auf Weblogs) entstanden, die mal mehr und mal weniger mit Karate zu tun hatten. Dabei habe ich niemals Vereine oder Privatpersonen öffentlich erwähnt oder geschweige denn diskreditiert. Falls dieser Eindruck, u.a. durch die Verlinkungen, entstanden sein sollte stelle ich dies hiermit richtig.
Meine veröffentlichen Beiträge beziehen sich auf Gespräche, Diskussionen oder geben eigene Gedankengänge wieder, die sich (u.a. auch) im täglichen Training ergeben können. Diese Gedanken sind nicht repräsentativ für die verlinkten Vereine zu sehen und stellen nur meine eigene Meinung und Gedankengänge dar. Sie zeigen den Entwicklungsprozess innerhalb meines Karates, eine Entwicklung, die nicht mit anderen Karatekas vergleichbar ist und somit nicht auf andere Karatekas anwendbar ist.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen weiterhin viel Spaß beim Lesen meines Blogs.
Samstag, 2. Oktober 2010
Sôchin-Dachi
In einem meiner letzten Karate-Einheiten wurde in der Oberstufe die Kata "Sôchin" unterrichtet. Eine Kata die nicht, wie manche behaupten, von Funakoshi Yoshitaka entwickelt wurde, sondern lt. Kase Sensei schon viel länger existiert.
Eines der "Kennzeichen" dieser Kata ist der Sochin-Dachi, der bei der JKA i.d.R. mit dem Fudo-Dachi gleichgesetzt ist. Die Ausführung dieser Stellung kann sich je nach Stil, Verband oder auch nach Lehrmeister unterscheiden können. Basis des Sochin-Dachi (in der ersten Variante, in welcher sich bspw. die JKA übt) ist ein 45° schräger Kiba-Dachi bei dem der Protagonist den Körper zur Front des Gegners ausrichtet. Interessanterweise stammt diese Form des Sôchin-Dachi von M. Nakayama, während G. Funakoshi eine andere Form des Sôchin-Dachi erläuterte. Funakoshis Fusstellung basiert auf dem Zenkutsu-Dachi, bei dem das hintere Bein gebeugt und der vordere Fuß leicht eingedreht werden soll. [1] Das beide Varianten existieren kann man an einer Vielzahl von Bildern erkennen, die im Internet zu betrachten sind. [2]
So übt sich Sensei Ande Bertel in der zweiten Variante und orientiert sich (vermutlich) nicht nur an seinem verstorbenen Sensei Asai, sondern gleichfalls an Funakoshi G, während die Ausführung innerhalb der JKA deutlich abweicht.
Wird die Fußhaltung aus dieser Sicht betrachtet, ist es gleichgültig, wie Karatekas diese Fußhaltung einnehmen, oder etwa nicht? Welche der zwei Sôchin-Dachi ist nun richtig? Ich denke, dass hier eine eindeutige Antwort nicht gegeben werden kann. Aus der Sicht eines Karatekas, der das traditionelle Sportkarate ausübt, wird er sich im Sôchin-Dachi der JKA (Nakayama) üben. Jedoch denke ich, dass der gesundheitsbewusste und an der Kampfkunst interessierte Karateka eher zur Gichin Funakoshi-Variante greifen sollte.
Denn wenn es zwei Varianten (teilweise sogar mehr als zwei) des Sôchin-Dachi gibt, so sollte der Blick – abseits von wettkampfästhetischen Gesichtspunkten – auf die funktionale Körperhaltung und Bewegung gelenkt werden. Ist dies der Fall, so kommt man um die zweite Variante nicht herum.
So hat diese Variante verschiedene Vorteile, wie man auf den verschiedenen Bildern erkennen kann. Der erste Punkt umfasst die Funktionalität. So werden bspw. die Bänder im Außenknöchel deutlich weniger stark belastet als bei der "Kiba-Dachi"-Variante. Auch die Belastung der Knie ist, nach Aussage eines Arztes der ebenfalls Karate ausübt, enorm. Der zweite Punkt umfasst der Gesamtbewegungsablauf. Wie jedem Karateka bereits im Kihon beigebracht wird (werden sollte), sind jegliche überflüssige Bewegungen zu vermeiden. Hierzu zählt u.a. ein umsetzen des vorderen Fußes um sich korrekt nach vorne zu bewegen. Gerade dies ist bei der "Kiba-Dachi"-Variante nur bedingt möglich, wie bspw. der amtierende JKA All Japan Kata Champion Kurihara in seiner Darbietung beweist.
Dass besondere Belastungen gerade bei den Bändern auftreten wurde mir am Ende einer Trainingseinheit bestätigt, als sich ein Karateka dahingehend äußerte, dass diesem beide Außenbänder an den Füßen schmerzen würden.
Wie meinte mal ein Trainer/Sensei zum mir? "Korrekt ausgeübtes Karate ist gesund, falsches Karate schädigt den Körper."
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Edit: 28.10.2010
[1] vgl. Henning Wittwer, http://www.karate-news.de/smfalt/index.php?topic=2961.0, #8, Stand: 02.10.2010
[2] vgl. Andre Bertel, https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEh3EFxGTZFOGwYJ5Dwm0zqNKIMTqJqcK8WbgeXz-5miD5QPDV3a_csBuYj43eHLKEN-mSUYXndmvFptqgFmVzKFoVqg1BtewCklRjHfBANIQFHe-clUCET6UpNT3SY33TjI5iioAnXPI3I8/s320/sochin.jpg, Stand: 02.10.2010
vgl. Andre Bertel, https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEiZuGy82cswDZyuyxd4BAkcECIvBKa8hxMa1FnjcspvFHWAcV01IjCBL3oGJXuie9792EWk3q_dx8SI53-yrYRqATOMkgWGukjpkS76S9A8Yjw0PW-AVn1ITRGsm6DJkLfBdIBYdC2T5zg/s1600-h/Andre+Bertel+Sochin+-+Usa+Jingu.+October+27th,+2009.JPG, Stand: 02.10.2010
[3] vgl. http://www.google.de/imgres?imgurl=http://www.jkawfs.co.uk/Jim_in_Sochin_Dachi.JPG&imgrefurl=http://www.jkawfs.co.uk/faq.htm&usg=__nb9XnFnfDs64esk8ScVlOPIaVhQ=&h=2472&w=3296&sz=345&hl=de&start=28&zoom=1&itbs=1&tbnid=LwX8hOiOD6Q1qM:&tbnh=113&tbnw=150&prev=/images%3Fq%3DSochin%2BDachi%26start%3D20%26hl%3Dde%26sa%3DN%26gbv%3D2%26ndsp%3D20%26tbs%3Disch:1
Freitag, 6. August 2010
Aufmerksamkeit und Selbstverteidigung
Im vorherigen Beitrag sprach Charles C. Goodin davon, wie wichtig Aufmerksamkeit sei um ggf. einem Kampf aus dem Wege zu gehen.
Auch Marc "animal" MacYoung spricht davon, wie wichtig es ist, aufmerksam zu sein. Besonders, wenn man sich in anderen "Weltmodellen" befindet. Unter "Weltmodelle" versteht MacYoung die unterschiedlichen Sichtweisen nicht unbedingt auf die "Welt" sondern vielmehr auf Basis eines sozialen Hintergrunds. Auch wenn es mancher "West-Europäer" nicht verstehen kann und verstehen will, so sind bspw. die Geschlechterrollen in anderen Kulturen gleichgestellt. So wird in manchen Kulturen/Gesellschaften der Mann als Alpha-Tier gesehen, dem sich die Frau unterzuordnen hat und zwar unter allen Umständen.
Marc MacYoung schreibt in seinem Buch, das bspw. das fehlende Verständnis über die Rollenverteilung der Geschlechter zu ernsthaften Auseinandersetzungen führen kann. Wichtig ist dabei zu verstehen, dass man sein eigenes Weltmodell (wie bspw. Gleichberechtigung der Geschlechter) auf andere Kulturen oder gar Gesellschaftsschichten übertragen kann. Würde man dies versuchen, isoliert man sich von der dort vorherrschenden Meinung und greift u.U. ein dortiges Territorium an. Es ist wichtig, so MacYoung, sich bewusst zu sein, in wessen Territorium man sich aufhält und dann entsprechend mit den Wölfen heult, statt sich gegen sie zu stellen. [1]
Zum Thema Aufmerksamkeit schreibt "animal" folgendes:
"Die Aufmerksamkeit ist ein Geschöpf, das nur schwer festzunageln ist. […] Viele Leute geben darüber Sprüche ab, aber nur sehr wenig praktische Anwendbarkeit wird gelehrt. Nun, was ist damit gemeint? Ist es das Wissen? Sind es Meinungen? Gefühle? Das Denken? Was also?
Die Antwort lautet: Ja, alles davon und noch viel mehr. Falls ich eine Definition der Aufmerksamkeit abgeben müßte, dann würde es diese sein: Das Verständnis für das, was tatsächlich in Deinem Umfeld passiert, sowohl in Dir selbst als auch außerhalb, und wie das eine auf das andere einwirkt." [2]
"Der nächste Punkt ist ein guter alter Bekannter, die Aufmerksamkeit. Wenn Du Dich in anderen Weltmodellen befindest, mußt Du Dir per Sonarmessung einen tiefen Einblick verschaffen (Mach dies auch in Deinem eigenen, aber besonders bei anderen Weltmodellen.). Wenn Du eine ziemlich gute Vorstellung davon hast, wie ihr Weltmodell wirklich ist, dann halte inne und stelle Dir vor, wie Du etwas von ihrem Standpunkt aus sehen mußt. Verschaffe Dir einen schnellen Überblick über die Reaktionen, die Du erhältst. Falls sie negativ sind, verändere Dein Vorgehen. Du mußt die Verantwortung dafür übernehmen, wie Deine Handlungen und Worte auf andere wirken. Für diejenigen unter euch, die sagen "Es ist nicht meine Sache, mich darum zu kümmern, wie andere Leute reagieren", ist alles, was ich zu sagen habe: Bekomme ich Deine Stereoanlage?" [2]
Zu beachten ist, das Marc MacYoung zwei verschiedene Punkte miteinander verknüpft, über die so mancher sagen wird, dass dies ja eine Selbstverständlichkeit sei und deshalb überhaupt nicht erwähnt werden müsste, weil es ja jeder wisse. Deswegen wird es auch nicht in den Dôjô unterrichtet. Aufmerksamkeit und Selbstverteidigung bedingen einander!
"Selbstverteidigung ist das ständige Verbinden von mehreren unterschiedlichen Gesichtspunkten des Lebens. […] Es bedeutet, Deinen Mitmenschen so gut zu verstehen wie Dich selbst. Es bedeutet, zu wissen, wie Dein Gegner denkt und Möglichkeiten in Deinem Kopf abzuwägen. Es bedeutet, zu verstehen, daß Dein Gegner in seinen eigenen Augen sich nicht für einen schlimmen Typen hält und glaubt, daß Du das genausowenig tust. Wenn dies der Fall ist, warum bekämpft ihr euch dann? Du sagst: "Weil er mich angegriffen hat." Akzeptierst Du die Verantwortung dafür, daß Du vielleicht etwas getan hast, um diese Person zu reizen? Du hast vielleicht nach dem Weltmodell, in dem er operiert, einen schweren Fehltritt geleistet. Schlechte Neuigkeiten, Kinder: So weit es andere Menschen berührt, ist Unwissenheit keine Entschuldigung. Bist Du Dir seines Modells bewußt? Weißt Du, was die Folgen Deiner Handlungen sein werden?" [4]
"Aufmerksamkeit ist das Wissen, daß andere Weltmodelle neben Deinem existieren und daß diese Modelle weder richtig noch falsch sind. Sie sind eben vorhanden. Wenn Du weißt, dass die Realität davon abhängig ist, wer sie wie erlebt, bist Du eher dazu im Stande, die Wirklichkeit einer Situation zu erkennen." [5]
______________
[1] vgl. Billige Tricks, Hinterhalte und andere Lektionen, Ein grundlegendes Handbuch über die Selbstverteidigung und das Überleben, Marc "Animal" MacYoung, S. 118
[2] ebd. S. 69
[3] ebd. S. 118
[4] ebd. S. 70
[5] ebd. S. 70
Keine Bereitschaft – keine Entschuldigung
Lieber Leser,
vor einiger Zeit fand ich auf einem Blog eines Karateka aus Hawaii einen sehr interessanten Artikel. Diesen Beitrag möchte ich Dir/Ihnen nicht vorenthalten, weshalb ich diesen – mit freundlicher Genehmigung des Autors – übersetzt habe. Zur Kenntlichmachung welcher Teil vom Autor, Charles C. Goodin kommt, habe ich den Artikel farblich anders gestaltet.
Viel Vergnügen!
Keine Bereitschaft – keine Entschuldigung
Meine Tochter praktiziert ebenfalls Karate und von Zeit zu Zeit greife ich sie– wie jeder gute Karate-Vater es tun würde – an. Ich mache dies schon, seit sie ein kleines Kind war (heute ist sie 17).
An einem Tag führte ich einen Schlag zu Ihrem Kopf aus und sie verpasste die Abwehr (ich traf sie nicht). Sie meinte, "Es war nicht fair, ich war noch nicht bereit."
Soweit zur Lektion.
Im Karate kannst Du nie sagen, "Ich war noch nicht bereit." Das ist nie eine gute Entschuldigung.
Im Karate haben wir immer bereit zu sein – zu jeder Zeit. Wir haben nicht nur bereit zu sein, wir müssen in der Lage sein, Probleme vorausschauen zu erkennen um diese zu vermeiden. Wenn Du eine Person im Schatten herumschleichen siehst, solltest Du die Straßenseite wechseln. Aber wenn Du die Person nicht siehst und weiter in seine Richtung läufst, könnte es zu spät sein.
Karate ist 70% Bewusstsein und 30% Vorbereitung… so ungefähr. Training ist gut. Training ist wichtig.
Wie auch immer, wenn Dein Kopf von einem Ziegelstein getroffen wird, welche Technik kannst Du dann noch anwenden? All' Dein Training, Deine Fertigkeiten können an diesem Punkt nicht helfen. Aber wenn Du bereits vor dem Schlag reagieren kannst, dann hast Du eine Chance Deine Karatetechniken zu verwenden.
Nicht bereit sein, ist keine Entschuldigung. Wir haben bereit zu sein. Wir haben uns bewusst zu sein, was alles um uns herum geschieht.
Wir müssen ebenfalls bewusst sein, was andere Menschen in einem anderen Kontext machen. Wie beeinflussen unsere Handlungen andere? Sind wir auf die Menschen um uns herum bedacht? Manchmal kann ein unfreundliches Wort mehr schmerzen als ein Schlag (natürlich auf eine andere Weise).
Als ich Aikido praktizierte, sprach Sensei Sadao Yoshioka über den 6. Sinn. Bewusstsein ist ein wesentlicher Aspekt des Aikido-Trainings. Und es ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt des Karate-Trainings.
Und keine Sorge, ich habe noch nie meine Tochter verletzt.
Respektvoll
Charles C. Goodin.
Quelle:
http://karatejutsu.blogspot.com/2010/07/not-ready-no-excuse.html
Stand: 06.08.2010
Freitag, 30. Juli 2010
Karate-Gedanken
Eines der erstrebenswerten Ziele in den Kampfkünsten scheint die Erlangung des "Schwarzgurtes" zu sein. Auf das Erreichen dieses "Status" werden Jahre mit mehr oder minder viel Schweiß verwendet um dann im Glauben zu sein, nun ein "Meister" oder gar ein "Sensei" zu sein. Den wenigsten scheint bewusst zu sein, dass diese Zeit bis zum 1. Dan eigentlich nur eine "Vorbereitungszeit" ist, die dazu dient um die Basis zu erlernen und zu festigen.
Stan Schmidt (8. Dan) schreibt in seinem Buch, dass mit der Erreichung des 1. Dan nun das eigentliche Training im Karate beginne. [1]
Oberflächlich betrachtet bedeutet diese Aussage, dass nun die eigentliche Herausforderung des Lernens in den Kampfkünsten beginnt. Dieses Lernen beinhaltet aber nicht nur ein tägliches Training von Basistechniken, sondern auch die Erarbeitung neuer technischen Fertigkeiten. Sei es die Verbesserung des Fauststoßes oder von ökonomischen Bewegungen. Sondern gleichfalls auch die geistige Auseinandersetzung mit den Lehrinhalten der Ryûha. Hierzu ist ein Studium der Kampfkunstschriften notwendig. Dies erfordert gleichfalls die Bereitschaft sich tiefer mit den unterschiedlichsten Materien auseinander zu setzen. Hierzu gehört auch das Wissen um Physiologie, Psychologie und Physiotherapie. Es erscheint mir ebenfalls hilfreich, sich mit anderen asiatischen Methoden wie bspw. dem Qi Gong oder dem Tai Chi auseinander zu setzen.
An dieser Stelle sei übrigens erwähnt, dass Kanazawa Sensei sich selbst in Tai Chi übt(e) und er sich später dahin gehend äußerte, dass sein Karate sich durch die Übung der Weichheit verbessert habe.
Es fällt auf, dass sich tatsächlich nur wenige tiefer mit einem dieser Bereiche beschäftigen, stattdessen jedoch meinen, das bislang erworbene Wissen des Trainers (synonym für Sensei und Lehrer) ausreichend sei um selbst lehren zu können. Entsprechend wird das Augenmerk auf die äußeren sichtbaren Bereiche der Technik gelenkt.
Wenn also der 1. Dan aussagt, dass nun die Grundlagen für das weiter- und tiefergehende Studium der Kampfkünste (hier des Karate) ist, so ist gleichzeitig der 1. Dan als Aufforderung zu verstehen, sich intensiv mit der Kampfkunst zu beschäftigen. Dies umfasst somit neben dem eigenen körperlichen Training auch das "geistige", im Sinne der Weiterbildung in Physiologie, Anatomie, Biomechanik, Geschichte, etc.
Aus dem Blickwinkel des Verständnisses für ein tiefgreifendes und ganzheitliches Verständnis, verbunden mit einem gewissen Wissen in der Kampfkunst Karate, kann ein 1. Dan nur bedingt bzw. unter Anleitung eines erfahrenen und ausgebildeten Sensei (der über das entsprechende Know-How verfügt) unterrichten. Es heißt nicht, dass ein 1. Dan nicht unterrichten kann oder darf, gerade in Vereinen in denen ein Mangel an Trainern besteht. Gleichwohl ist der 1. Dan aber verpflichtet, sich gerade in den vorgenannten Bereichen weiter zu bilden, ebenso wie der oder die Cheftrainer in der Verpflichtung sind, die Sempai in der Lehre zu unterrichten bzw. zu unterweisen.
Und genau an diesem Punkt hapert es, wie man in einem der letzten Beiträge lesen konnte (s. alter Blog).
An dieser Stelle kommt man um die Betrachtung der etablierten Verbände (ganz gleich wie diese heißen) herum. Wie sieht dort die Ausbildung der Trainer aus? In einem Verband gibt es zwar Weiterbildungsmöglichkeiten für diverse Trainerscheine während ein anderer versucht mit einer verbandsinternen Fortbildung ein Äquivalent zu schaffen. Die Bemühungen sind sicherlich vorhanden, doch wie sieht das Training trotz solcher Fortbildungsmaßnahmen in der Praxis und somit in den Vereinen/Dôjôs aus?
Baut bspw. das Training auf das Aufwärmprogramm auf? Bestimmt gibt es vereinzelt Dôjôs in denen es so ist, doch häufig ist eben dies nicht der Fall. So erlebte ich, wie in einem Karate-Dôjô als Aufwärmprogramm diverse Spiele gespielt wurden und im Anschluss daran die übliche Gymnastik, die mehr Kräftigungsübungen umfasste, durchgeführt wurde. Das Training war übrigens für Erwachsene der Oberstufe gedacht.
Apropos Oberstufe. Eines verwundert mich in den letzten Monaten mehr und mehr. Die mögliche Trainingsintensität für viele Oberstufen umfasst in vielen Vereinen gerade einmal 2, manchmal auch 3 Einheiten in der Woche. Geht man nun davon aus, dass jede Einheit 1,5 Stunden dauert so trainieren die meisten zwischen 3 und 4,5 Stunden in der Woche. Hiervon müssten eigentlich wieder mindestens 1-1,5 Stunden abgezogen werden, da diese Zeit meist für Spiele, Gymnastik oder Kräftigungsübungen ver(sch)wendet werden. Sollte gerade nicht die Oberstufe in der Lage sein, sich schon VORHER selbstständig aufzuwärmen? So könnte man 33% der Trainingszeit effizienter nutzen. Sei es für Technik-, Kata-, Kumite-Training, Bodenkampf, Atemi-Waza etc.
Man könnte sogar noch einen Schritt weitergehen. Muss im gemeinsamen Oberstufen-Training jene Dinge trainiert werden, die gerade ein Dan-Träger auch alleine üben könnte. Hier wäre bspw. der Bewegungsablauf der Kata gemeint, der dann später im gemeinsamen Training punktuell korrigiert wird, damit der Schüler dieses wieder alleine zu Hause verbessern kann. Dass hierzu eine gute Selbstreflektion notwendig ist, versteht sich von selbst.
Und gerade für die Fähigkeit der Selbstreflektion ist es notwendig, dass die Schüler frühzeitig lernen, in den Körper hinein zu hören und gleichzeitig das Verständnis für den eigenen Körper und somit die Biomechanik erhöht wird. Eines wird (mir) somit klar. Die Grundsteinlegung für ein gutes, funktionales als auch effektives Training (sowohl in gesundheitlicher Hinsicht als auch in der Hinsicht mit dem Umgang von Gewalt) wird durch das Können und das Wissen des Trainers gelegt.
Es obliegt also jedem Trainer, der verantwortungsvollen Aufgabe entsprechend nachzugehen um so den/die Schüler ganzheitlich in der Kampfkunst zu unterrichten.
---------
[1] vgl. Stan Schmidt, Der Weg der leeren Hand
Mittwoch, 28. Juli 2010
Zen
In einem privaten Dialog erfragte ich, was das berühmt berüchtigte Zen sei. Die Antwort war kurz wie auch informativ.
Quelle: persönlicher Dialog vom 27.07.2010
Zen ist also eine Methode, um zu überprüfen, ob wir uns auf das hier und jetzt, die Gegenwart, konzentrieren können.
* Die Übung des Faustkampfes bzw. des Schwertkampfes
An dieser Stelle sei meinem Gesprächspartner für seine Erläuterung gedankt.
Sonntag, 25. Juli 2010
Was ist… Karate?
In den letzten Wochen habe ich die unterschiedlichsten Karateka nach ihrer Definition des JKA-Karate gefragt. Die Antworten reichten dabei von einigermaßen vernünftigen Antworten bis hin zu bodenlosem Nonsens. Nonsens der deutliche Wissenslücken, ja sogar fachliche Inkompetenz gerade in den wissensrelevanten Bereichen aufzeigte. Die besten Antworten der Probanden gingen zumindest tendenziell in die von mir erwartete Richtung, wenngleich mich die Antwort nicht wirklich zufrieden stellte. Bspw. wurde JKA-Karate als "Shobu-Ippon-Karate" bezeichnet, was zweifellos richtig ist. Auch die klassische Variante der Dreiteilung in "Kihon, Kata und Kumite" war vorhanden. Eine weitere Person äußerte sich dezidiert dahingehend, dass das JKA-Karate ein "Wettkampfsport" sei.
Wenn also das JKA-Karate, wie aus historischen Quellen zu belegen ist, durch Nakayama & Co. sich ganz spezifisch auf den sportlichen Vergleich konzentriert, was beinhaltet dann das eigentliche Shôtôkan-ryû Karate? Wie sieht das Lehrgebäude aus? Wenngleich keiner der bisher von mir befragten Träger des schwarzen Bändels mit unterschiedlicher Bestickung einen Erklärungsversucht wagte, so möchte ich es versuchen näher in die Materie einzudringen. Hierzu bediene ich mich Wittwer. So listet er u.a. folgende Punkte auf:
- Stände (Tachi): 7
- Handtechniken (Te-Waza): 14
- Fußtechniken (Ashi-Waza): 15
- Soloformen (Tandoku-Gata): 15
- grundlegende Kampfformen (Kihon-Gumite-Gata): 33
- Formen des sitzenden Zusammenkommens (Iai-Gata): 6
- Wurftechniken (Nage-Waza): 9
- Erhaschen des Dolchs (Tantô-Dori): 5
- Erhaschen des Säbels (Tachi-Dori): 3
- Erhaschen des Stocks (Bô-Dori): 6
- Kunst des Selbstschutzes für Frauen (Joshi Goshin-Jûtsu): 14
- Vitalpunkte (Kyûshu): 40 (1)
Zu beachten ist, dass Funakoshi Gichin zu seiner Zeit die Kata in Haupt- und Nebenkata unterschied. Zu den Hauptkata zählten im historischen Shôtôkan-Dôjô 15 Kata, die er auch an den Universitäten unterrichtete. Darüber hinaus gab es eine weitere Anzahl von Kata (vermutlich um die 15) die er im Hauptdôjô, dem Shôtôkan unterrichtete. Dazu gehörten u.a. die Stockkata.
Von den hier aufgelisteten 12 Punkten werden heute größtenteils nur noch die fünf gelehrt, aber bereits hier mit Einschränkungen. So werden bspw. beim zweiten Punkt, der Te-Waza, meist nur noch wenige Handtechniken unterrichtet. Vorzugsweise
- Seiken
- Uraken
- Kentsui
- Shutô
- Heitô
- Nukite
Seltener noch:
- Ippon-ken
- Nakadaka-ken
Schaut man in Nakayamas Karate perfekt (2), so ist feststellbar, dass in jenem Buch mehr als die 14 Te-Waza, nämlich 16, aufgelistet sind. In Schlatts Enzyklopädie sogar 18. Vergleicht man nun Nakayamas Ausführungen mit den heute meist verwendeten Handtechniken, wird erkennbar, das rund 50% aller Techniken kaum noch gelehrt werden. Es stellt sich somit die Frage nach dem Warum!?
Auch wenn man den ein oder anderen Punkt ignorieren würde (bspw. die Verteidigung gegen ein Schwert oder Frauen-SV), so würden dennoch genügend Bereich bleiben, die im heutigen Training in einer Vielzahl der Dôjôs nicht geübt werden. Ganz zu schweigen von den neuen Herausforderungen in Bezug auf Verteidigung gegen Faustfeuerwaffen oder anderen alltäglichen Angriffssituationen. Hier wäre ein zusätzlicher Blick über den Tellerrand geeignet.
Betrachtet man die Auflistung von Wittwer, wird erkennbar, dass Karate ziemlich alle Distanzen des Kampfes umfasst. Darüber hinaus wird in anderen Literaturquellen durchaus auch noch der Bodenkampf erwähnt, womit tatsächlich alle Distanzen abgedeckt wären (man denke bspw. an Iain Abernathy).
Unter der Beachtung der oben aufgeführten Waza und dem Wissen der chinesischen Einflüsse auf das Te, könnten noch andere Aspekte Einfluss auf die Karate-Kunst gehabt haben bzw. haben. Sichtweisen, die uns aufgrund der häufigen Fokussierung auf das Shiai Stück für Stück verloren gehen.
Summa summarum lässt sich festhalten, dass das Shôtôkan-ryû deutlich mehr umfasst, als jene Techniken die heute im Standardtraining geübt werden. Karate ist eine komplexe und breit gefächerte Kunst, deren tiefergehenden Kenntnisse eigentlich erst nach längerem Üben anfängt zu erfahren, jedoch nur dann, wenn neben der Übung auch ein "geistiges Training" von statten geht.
Quellen:
(1) Wittwer, Henning, Shôtôkan – überlieferte Texte, historische Untersuchungen, S. 160
(2) vgl. Nakayamas Karate perfekt, Einführung, Nakayama Masatoshi, Falken-Verlag, 1995, S. 13 ff.