In den letzten Wochen habe ich die unterschiedlichsten Karateka nach ihrer Definition des JKA-Karate gefragt. Die Antworten reichten dabei von einigermaßen vernünftigen Antworten bis hin zu bodenlosem Nonsens. Nonsens der deutliche Wissenslücken, ja sogar fachliche Inkompetenz gerade in den wissensrelevanten Bereichen aufzeigte. Die besten Antworten der Probanden gingen zumindest tendenziell in die von mir erwartete Richtung, wenngleich mich die Antwort nicht wirklich zufrieden stellte. Bspw. wurde JKA-Karate als "Shobu-Ippon-Karate" bezeichnet, was zweifellos richtig ist. Auch die klassische Variante der Dreiteilung in "Kihon, Kata und Kumite" war vorhanden. Eine weitere Person äußerte sich dezidiert dahingehend, dass das JKA-Karate ein "Wettkampfsport" sei.
Wenn also das JKA-Karate, wie aus historischen Quellen zu belegen ist, durch Nakayama & Co. sich ganz spezifisch auf den sportlichen Vergleich konzentriert, was beinhaltet dann das eigentliche Shôtôkan-ryû Karate? Wie sieht das Lehrgebäude aus? Wenngleich keiner der bisher von mir befragten Träger des schwarzen Bändels mit unterschiedlicher Bestickung einen Erklärungsversucht wagte, so möchte ich es versuchen näher in die Materie einzudringen. Hierzu bediene ich mich Wittwer. So listet er u.a. folgende Punkte auf:
- Stände (Tachi): 7
- Handtechniken (Te-Waza): 14
- Fußtechniken (Ashi-Waza): 15
- Soloformen (Tandoku-Gata): 15
- grundlegende Kampfformen (Kihon-Gumite-Gata): 33
- Formen des sitzenden Zusammenkommens (Iai-Gata): 6
- Wurftechniken (Nage-Waza): 9
- Erhaschen des Dolchs (Tantô-Dori): 5
- Erhaschen des Säbels (Tachi-Dori): 3
- Erhaschen des Stocks (Bô-Dori): 6
- Kunst des Selbstschutzes für Frauen (Joshi Goshin-Jûtsu): 14
- Vitalpunkte (Kyûshu): 40 (1)
Zu beachten ist, dass Funakoshi Gichin zu seiner Zeit die Kata in Haupt- und Nebenkata unterschied. Zu den Hauptkata zählten im historischen Shôtôkan-Dôjô 15 Kata, die er auch an den Universitäten unterrichtete. Darüber hinaus gab es eine weitere Anzahl von Kata (vermutlich um die 15) die er im Hauptdôjô, dem Shôtôkan unterrichtete. Dazu gehörten u.a. die Stockkata.
Von den hier aufgelisteten 12 Punkten werden heute größtenteils nur noch die fünf gelehrt, aber bereits hier mit Einschränkungen. So werden bspw. beim zweiten Punkt, der Te-Waza, meist nur noch wenige Handtechniken unterrichtet. Vorzugsweise
- Seiken
- Uraken
- Kentsui
- Shutô
- Heitô
- Nukite
Seltener noch:
- Ippon-ken
- Nakadaka-ken
Schaut man in Nakayamas Karate perfekt (2), so ist feststellbar, dass in jenem Buch mehr als die 14 Te-Waza, nämlich 16, aufgelistet sind. In Schlatts Enzyklopädie sogar 18. Vergleicht man nun Nakayamas Ausführungen mit den heute meist verwendeten Handtechniken, wird erkennbar, das rund 50% aller Techniken kaum noch gelehrt werden. Es stellt sich somit die Frage nach dem Warum!?
Auch wenn man den ein oder anderen Punkt ignorieren würde (bspw. die Verteidigung gegen ein Schwert oder Frauen-SV), so würden dennoch genügend Bereich bleiben, die im heutigen Training in einer Vielzahl der Dôjôs nicht geübt werden. Ganz zu schweigen von den neuen Herausforderungen in Bezug auf Verteidigung gegen Faustfeuerwaffen oder anderen alltäglichen Angriffssituationen. Hier wäre ein zusätzlicher Blick über den Tellerrand geeignet.
Betrachtet man die Auflistung von Wittwer, wird erkennbar, dass Karate ziemlich alle Distanzen des Kampfes umfasst. Darüber hinaus wird in anderen Literaturquellen durchaus auch noch der Bodenkampf erwähnt, womit tatsächlich alle Distanzen abgedeckt wären (man denke bspw. an Iain Abernathy).
Unter der Beachtung der oben aufgeführten Waza und dem Wissen der chinesischen Einflüsse auf das Te, könnten noch andere Aspekte Einfluss auf die Karate-Kunst gehabt haben bzw. haben. Sichtweisen, die uns aufgrund der häufigen Fokussierung auf das Shiai Stück für Stück verloren gehen.
Summa summarum lässt sich festhalten, dass das Shôtôkan-ryû deutlich mehr umfasst, als jene Techniken die heute im Standardtraining geübt werden. Karate ist eine komplexe und breit gefächerte Kunst, deren tiefergehenden Kenntnisse eigentlich erst nach längerem Üben anfängt zu erfahren, jedoch nur dann, wenn neben der Übung auch ein "geistiges Training" von statten geht.
Quellen:
(1) Wittwer, Henning, Shôtôkan – überlieferte Texte, historische Untersuchungen, S. 160
(2) vgl. Nakayamas Karate perfekt, Einführung, Nakayama Masatoshi, Falken-Verlag, 1995, S. 13 ff.